Oder: Warum ein Wort mehr wert ist als tausend Argumente
Ralf Holzwarth im Fellbacher Stadtanzeiger vom 10.04.2026
Es braucht heute nicht mehr viel. Ein Wort, ein Begriff, manchmal nur eine Andeutung – und schon ist sie da, die digitale Empörungslawine. „Fahrradstraße“, „Baustelle“, „Kita-Gebühren“ – Begriffe, die früher vielleicht ein Schulterzucken hervorriefen, lösen heute in Sekundenschnelle Kommentarkaskaden aus. Vom sachlichen Austausch zur Beleidigung: oft nur ein Klick entfernt.
Als Stadtrat erlebe ich es regelmäßig: Kaum ist ein Beschluss gefasst, kursieren die wildesten Gerüchte. Fakten? Nebensache. Dabei liegen uns bei jeder Entscheidung Gutachten, Kostenschätzungen, Mengenrüste vor – Grundlagen, die im Netz oft keine Rolle mehr spielen.
Was wirklich fehlt, ist der persönliche Austausch. Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, bei dem man merkt: Auch der Andersdenkende ist kein Monster, sondern Nachbar, Kollege, Mitmensch. Im direkten Dialog würde kaum jemand so ausfallend werden wie hinter der Tastatur.
Meinungsfreiheit bedeutet nicht, die lauteste Stimme zu haben, sondern auch die leiseren noch hören zu können. Toleranz heißt, Widerspruch auszuhalten, ohne persönlich zu werden.
Vielleicht sollten wir alle öfter innehalten, bevor wir auf „Senden“ drücken. Und vielleicht sollten wir öfter miteinander reden statt übereinander. Denn am Ende sitzen wir alle in derselben Stadt – und die funktioniert besser, wenn wir sie gemeinsam gestalten. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Kassen könnte diese Haltung ein Erfolgsfaktor werden.

